
Trauer nach Fehl- und Totgeburten (perinatalem Verlust)
Ein unerfüllter Kinderwunsch oder der Verlust eines Kindes ist ein besonders stilles und tiefgehendes Leid.
Jede Schwangerschaft hinterlässt Spuren – das spiegelt sich selbst in der zellulären Ebene wider: So findet ein gegenseitiger Austausch zwischen Mutter und Fötus statt. Mütter tragen jahrzehntelang oder vielleicht für immer Zellen ihres Kindes im Körper (Mikrochimärismus) was möglicherweise zu der starken emotionalen Bindung beiträgt.
Die Trauer nach Fehlgeburten bleibt nach außen oft unsichtbar. Gerade bei sehr frühen Verlusten kann es schwer sein, der Trauer einen Platz zu geben, weil offizielle Rituale, Erinnerungsstücke oder gesellschaftliche Anerkennung fehlen. Totgeburten und späte Verluste betreffen häufig bereits stark verinnerlichte Bilder eines gemeinsamen Lebens mit dem Kind.

Solche Verluste können die bisher empfundene Ordnung völlig aus den Fugen bringen. Wie die Psychotherapeutin Chris Paul beschreibt stirbt bei Fehlgeburten und frühen Kindverlusten immer auch ein Wunschbild – die vorgestellte Zukunft, die mit diesem Kind verbunden war. Manchmal ist es für die Betroffenen dagegen unvorstellbar, morgens aufzustehen, den Alltag bewältigen zu können, zu arbeiten oder für Geschwisterkinder da zu sein. Unterschiedliche Trauerwege der Eltern können zusätzlich zu Spannungen, Missverständnissen und dem Gefühl führen, „nicht im gleichen Boot zu sitzen“.
Auch nach einem Schwangerschaftsabbruch kann ein sehr individueller Trauerprozess einsetzen, der sich teilweise erst verzögert zeigt.
Manchmal stehen Eltern vor Entscheidungen, die aus medizinischer Sicht notwendig erscheinen – etwa zur Abwendung einer gravierenden Gefahr für die körperliche Gesundheit der Schwangeren oder im Zusammenhang mit schweren kindlichen Diagnosen. Selbst wenn äußere Gründe eine große Rolle spielen, bleibt dieser Verlust eine bedeutsame Erfahrung, die viele Emotionen nebeneinander enthalten kann.
Entscheidungen für einen Abbruch ohne unmittelbare medizinische Notwendigkeit können in sehr unterschiedlichen Lebenssituationen getroffen werden. Auch hier können im Nachhinein Trauer oder das Bedürfnis nach Sinnfindung auftreten – unabhängig davon, wie sicher die Entscheidung zum damaligen Zeitpunkt war.
In meiner Arbeit ist mir wichtig, diese Erfahrungen als reale Verluste anzuerkennen, wenn sie von den betroffenen Menschen so erlebt werden. Es geht nicht um eine moralische Bewertung der Ursachen, sondern um einen respektvollen Raum für das, was gefühlt wird: Trauer, Erleichterung, Ambivalenz, Schuld, Leere, Dankbarkeit oder Liebe.
In all diesen Bereichen begleite ich Frauen, Männer und Paare in ihrer jeweils eigenen Zeit und Form – Wochen, Monate oder Jahre nach dem Ereignis. Im Vordergrund stehen ein behutsamer Umgang mit dem Geschehenem und das Finden persönlicher Rituale und Ausdrucksformen, die die Erinnerung integrieren und das Weiterleben stärken.




